Schon einmal war ich für 11 Monate in Südamerika unterwegs. Also wusste ich, dass bei einer Reise für 3 Monate auch eine gute Vorbereitung dazugehört. Zudem beginnt man so die effektive Reise zu verlängern und man zieht sich alles rein was in den Medien über diese Reisedestination zu lesen und zu sehen ist . Und das es viel zu lesen gab im Vorfeld hat auch Hansjörg Huber aktiv dazu beigetragen mit seinen vielen zugesandten Links und Filmbeiträgen. So habe ich diese Marokko Reise zum Waisenheim Dar Bouidar akribisch geplant und mir nebst einem dicken Ordner, Zusammenfassungen und Fragen in einem separaten Buch notiert. Auch galt es in meinem sozialen Umfeld dies vorzubereiten und speziell die Aufgabe der Betreuung der Mutter (95 Jahre und immer noch selbständig haushaltend) meinem Bruder zu übertragen. Zusätzlich besuchte ich über 3 Monate die arabische Schule NOUR in welcher ich die Mentalität und Körpersprache von arabischen Kindern ergründete. Sprachlich habe ich nichts verstanden. Mit dem Erlernen der arabischen Sprache mittels Google erkannte ich aber bald meine Grenzen.

 

 

2. Phase Ankunft in Marrakech

Zu meiner grossen Überraschung wurde ich höchst persönlich durch den Gründer des Kinderhilfswerks Hansjörg Huber am Flughafen in Marrakech empfangen. Aus der Masse war er leicht erkennbar mit seiner roten « Daechlichappe » sodass ich gleich auf Ihn zugelaufen bin. Wie wichtig Ihm diese Kappe ist, erkannte ich leider erst als ich eines meiner Mitbringsel Ihm übergab. Eine modische Zimtstern Mütze als Schutz gegen die Sonne – aber eben ohne Schweizerkreuz – vermochte seine Begeisterung in Grenzen halten. Wie wichtig Ihm seine rote « Daechlichappe » ist, habe ich spätestens bei der ersten Fahrt in das Dorf erkannt. So verlangsamte er immer das Tempo vor jeder Polizeikontrolle und grüsste mit seinem Erkennungshut ganz freundlich. Dieser Gruss wurde auch entsprechend freundlich erwidert, denn man erkannte sofort sein Auto wie auch seine Kopfbedeckung. Auf diesen beinahe täglichen Fahrten ab Marrakech ins Dorf Dar Bouidar am Fusse des Atlas erfuhr ich vom engagiert erzählenden Hansjörg Huber vieles über Traditionen von Marokko und über das Kinderdorf. Als Schweizer – er stellt sich zwar immer als Marokkaner vor der hier schon 10 Jahre lebt – muss er in einem islamischen Staat sehr vorsichtig sein. So besuchte ich u.a. einmal ein Kinder-Gospelkonzert im modernen Stadtteil Gueliz von Marrakech. Auf die Frage ob er mit seiner Partnerin Jeanette Stuker mitkomme, verneinte er weil er befürchtete, dass man Ihn sieht und er verdächtigt werden könnte, dass er die Kinder christlich erziehen lassen will. So erfahre ich, dass er sich hier mit Feingefühl bewegen und verhalten muss.

Anekdote:

Der Name der ersten Kirche im Stadteil Gueliz von Marrakech entstand da es den Marokkanern sprachlich schwer fiel « Eglise » auszusprechen (Eglise – Glise – Gueliz) .

Immer wieder schreibe ich in meinem Notizbuch auf, wo der Schuh drückt und wo ich mich für das Projekt eventuell einsetzen kann falls ich mich dafür begeistern sollte. Bald realisiere ich, dass die Erbauer des Waisenheims meine Nähe schätzen und das Gespräch auf Augenhöhe mit mir suchen. Im Dorf spiele ich mit den Kindern und erfreue mich an der Zugänglichkeit und Herzlichkeit der « abgelegten Kinder ». Immer wieder sind es auch die kullerigen dunklen Augen die mein Herz berühren. Die Mütter welche die Kinder rund um die Uhr betreuen sind sehr offen und freundlich. Das Gefühl eines aktiven Dorflebens kommt hoch. Man grüsst sich respektvoll oder man umarmt sich einfach und spürt eine tiefe Verbundenheit.

3. Phase kulturelle Wiederstaende

Das spannende Marokko leidet noch heute unter der ehemaligen Kolonialherrschaft der Spanier, Portugiesen und der Franzosen. So sind sie sich nicht gewohnt zu entscheiden. Auch Verantwortung zu übernehmen ist Ihnen fremd. Zudem kommt die grosse Arbeitslosigkeit (rund 50 Prozent) dazu und die Angst den Job zu verlieren, wenn man was Falsches machen könnte . Dies erschwert die Organisation eines Dorfes mit nahezu 100 Mitarbeitern. So muss der Gründer immer wieder eingreifen ; Strukturen festigen und hat so alle Hände voll zu tun. Aber es ist alles auf gutem Wege, es braucht mehr Zeit.

Anekdote:

Hansjörg Huber erzählt, dass er eines Tages einem Lastwagen nachfährt, welcher alte Schulbänke transportiert . Wer Marokko kennt, weiss wie so eine Warenladung überfüllt, über die Masse des Camions hinaus gepackt sein kann. Diese passieren übrigens problemlos die vielen Polizeikontrollen entlang der Strasse. Nun fährt der Camion zum Abladen in einen Hinterhof wo noch weitere Tausend alte Schulbänke mit Sitzen im Freien gehalten werden. Jeder könnte nun meinen dass diese für ein humanitäres Werk bei Anfrage kostenlos zur Verfügung gestellt würden. Nein, auch nicht gegen eine Bezahlung kann Dar Bouidar diese erwerben. Niemand will entscheiden diese Freizugeben, da man Angst hat, dass die Bänke auf dem Souk wieder verkauft werden. Viele Versprechungen das Waisenheim zu unterstützen werden nicht eingehalten. Dies obwohl jeder Besucher mit einem überaus freundlichen eMail danach beglückt wird. Immer zu warten und zu hoffen zermürbt das Gründer-Paar und Sie sprechen viel darüber beim gemeinsamen Morgenessen.

Anekdote:

In einer Verbindung zu einem französischen Spital erhält die Association 2 voll ausgerüstete Krankenwagen. Als er diese nach Marokko überführen will bekommt er keine Bewilligung, da das Auto älter als 5 Jahre im Verkehr eingelöst war. (Bestehendes Recht für Fahrzeuge in Marokko und so wird verhindert, dass alte « Dreckschleudern » ins Land kommen) Dass diese Regelung, obwohl Hansjörg bis zur königlichen Familie und in die Ministerien gut vernetzt ist, auch für ein humanitäres marokkanisches Projekt gilt ist unverständlich und echt nervend. Aber das starke Unternehmer Herz des Gründers gibt nicht auf. Dies obwohl er bereits 72 Jahre jung ist und zum Teil nur 3 Stunden pro Nacht schläft. Auch entwickelt sich ein langweiliger Behörden-Kampf, für eine Bewilligung einer eigenen Schule für die Kinder vom Atlas. Es ist nur zu hoffen, dass der einheimische Professor und Schulleiter dies bald realisieren kann. Denn geduldig ist Hansjörg Huber nicht – er steht täglich mit neuen Visionen für die Kinder auf und will diese umgehend umsetzen zum Wohl der bald 100 Kindern.

4. Phase persönliche Infizierung

Der Gründer findet immer wieder Wege den Mitmenschen Perspektiven und Wege aufzuzeigen, damit diese Ihr Leben noch angenehmer bestreiten können. So offeriert er seinem Schulleiter und Personalchef, dass seine Ärztefrau doch in Dar Bouidar eine Arztpraxis aufmachen kann. Denn heute ist das verheiratete Paar über 1.000 km getrennt voneinander und Sie sehen sich nur selten. Selbst eine Starthilfe bietet Hansjörg Huber in Form eines garantierten Einkommens im ersten Jahr der Ärztin an. Dies würde natürlich die Prävention und die Behandlung von den Dorfbewohnern von Dar Bouidar und der umstehenden Landbevölkerung sehr dienen und bereichern. Auch erlebt der Koch die Herzlichkeit vom Erbauer des Waisenheims. Gestartet hat er als bediensteter im Anwesen in der Palmeraie. Als die repräsentativen Verpflichtungen der Hausherren zurück gingen, bezahlt er dem Koch weiterhin den Lohn und stellt Ihn als Verantwortlichen für das leibliche Wohl dem Kinderdorf zur Verfügung. Als er später den Wunsch äussert selber ein Restaurant in Marrakech zu eröffnen ergibt sich für Ihn eine neue Chance. Hansjörg bietet Ihm an, als dieser die finanziellen Eigenmittel für das Restaurant in der Stadt nicht aufbringen kann, dass er einfach ein neues noch zu erbauendes Restaurant im Dorf Dar Bouidar betreiben kann. Denn in der Zwischenzeit besuchen pro Jahr bis zu 3 000 Besucher das Dorf. Dies eröffnet dem Kinderdorf eine neue Einnahmequelle und dem Koch eine neue Perspektive. Es gibt noch unzählige weitere gute Taten welche das Gründerpaar mit Menschen vollbracht hat welche meine Einstellung wesentlich beeinflusst hat.

Anekdote:

Eines meiner ersten kleinen Tätigkeiten im Dorf war, dass ich elektronische Geräte wieder zum Laufen gebracht habe. In den meisten Fällen lag dies am oxidierten Kontakt oder an der fehlenden geladenen Batterie. Dann kam dieser aufgeweckte Junge zu mir und wollte auch anpacken. Zuerst gab ich Ihm ein bereits laufendes elektronisches Spielzeug in Form einer Waschmaschine. Nicht lange spielte er mit dieser. Er wollte selber anpacken und nahm mir den Schraubenzieher energisch und bestimmt aus der Hand. Nach und nach begriff er, dass beim Einsatz der Batterien der Plus- und der Minus-Pool zu beachten ist. Und siehe da es lief und wir hatten beide ein gemeinsames Erfolgserlebnis. Natürlich ist es auch das Betreuungskonzept mit den Müttern, die Kinder selbst welche mich zusehends berühren. Das ganze lebende Dorf mit eigener Bäckerei, Krankenstation, Amphitheater, Moschee, Bauernhof und dem soeben eröffneten Schulzimmer. Welches Kind erlernt in anderen Heimen schon 2 weitere Fremdsprachen, ein Musikinstrument zu spielen und wird mit einem Sportlehrer Fit gehalten? Zudem ist die Ernährung überaus gesund mit vielen Früchten und Gemüsen und ohne Zucker und Süssigkeiten sehr linienfreundlich. Schaut Euch mal das Kinderlachen an und ja, ich bin nun infiziert und will helfen das Lebenswerk zu vollenden weil ich die Gewissheit habe, dass alles mit rechten Dingen zu und her geht.

PS: Ich verzichte auf weitere Bilder und verweise auf die lebendige Facebook-Seite...